"Ikarus"
portugiesischer Marmor, ca 140x85x60 cm, 2002
Wolfgang Hätscher-Rosenbauer



„Man suche nichts hinter den Dingen.
Ein Ding recht beschaut, offenbart sein Wesentliches“
J.W. v.Goethe


Der Stein lag, wahrscheinlich schon zur Zeit der Entstehung der Ikarus-Legende, im Meer. Er wurde geborgen, von meinem Freund und Bildhauer-Kollegen Joachim Kreutz entdeckt und von mir bearbeitet.

Das Wasser des Meeres hat den Stein über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende geformt, charakteristisch ausgehöhlt und zum Teil durchspült.

Ich folgte beim Bearbeiten des Steines zunächst nur den vorgegebenen Linienführungen und Flächen (der Stein schmeckte salzig). Im Verlauf des Verstärkens und Glättens der vorgeprägten Form des Steines schälte sich allmählich die Gestalt des sterbenden, ins Wasser stürzenden, oder, je nach Sichtweise, des auferstehenden, vom Wasser wieder freigegebenen, geläuterten Ikarus heraus. (Ein berühmter Bildhauer sagte einmal, er nehme beim Stein nur das weg, was nicht dazugehöre – genauso erlebte ich die Arbeit an diesem Stein).


Für mich hat dieser Ikarus im Wasser und durch das Wasser eine Wandlung erfahren.

Der sterbende Ikarus, der ins Wasser stürzende Ikarus ist der jugendliche, unreife, in gewisser Weise unbewusste Mensch (Mann), der auf die fortgeschrittenste Technik (künstliche Flügel) zurückgreifen konnte, die ihm die Gesellschaft (sein Vater Daedalus) zur Verfügung stellte, um damit seine Freiheit zu erreichen; und der damit – aus Überschwang, aus Übermut, naturgegebene Grenzen überschreitet: Er kommt dem Feuer, der Sonne, zu nahe, und stürzt ins Wasser, wo er ertrinkt.

Der aus dem Wasser auferstehende Ikarus, den das Meer wieder freigibt, ist der geläuterte, der gereifte, der bewußtere Ikarus, der, immer noch und mehr denn je vom Willen zur Freiheit beseelt, seine Grenzen und Möglichkeiten erforschen will, der aber mit mehr Achtung, vielleicht auch mehr Demut den Kräften der Natur begegnet . Er ist einer, der in Zukunft sehr darauf achten wird, ob die technischen, elektronischen und sonstigen Hilfsmittel, die er vorfindet (und selbst wenn sie von seinem eigenen Vater stammen), wirklich sicher sind, ihn und andere nicht gefährden. Und ob er mit ihrer Hilfe wirklich in Harmonie mit den Kräften der Natur bleibt, weiter auf der Suche nach Freiheit.

Er ist, wenn ich ihn so anschaue, berstend vor Energie und Tatendrang und bereit, sich in ein neues Abenteuer „Leben“ zu stürzen. Das Wasser wird für ihn immer ein Element der Klärung und Läuterung sein. Er wird Mitverantwortung dafür übernehmen, alles Menschenmögliche zu tun, damit es seine natürliche Klarheit und Energie behält – oder dass diese wiederhergestellt wird.

Wolfgang Hätscher-Rosenbauer

Bad Vilbel, den 21.9.2002